Mit 230km/h zurück zum Huhn

Hühner im Gehege

Der Tagesrhythmus des Hühnerhalters hat zwei feste Termine:

  1. Das morgendliche Aufstehen. Zu Sonnenaufgang wollen die Hühner nämlich aus dem Stall. Außerdem fülle ich morgens immer Wasser und Futter nach. Wenn man sich verspätet, sind die Hennen schlecht gelaunt und schimpfen.
  2. Das abendliche Abschließen des Stalls zu Sonnenuntergang. Unbedingt wichtig. Ungeschützt wird es für die Hühner nachts gefährlich. Viele Feinde warten nur darauf, unsere Familienmitglieder zu essen. Besonders der Marder. Bisher habe ich hier zwar noch keinen Marder gesehen, aber ich glaube er kooperiert mit dem schwarzen Eichhörnchen und lauert auf seine Chance. Ich will es lieber nicht darauf ankommen lassen.

(Keine) Flexibilität: Die automatische Hühnerklappe (klappt nicht)

Wir haben uns extra eine automatische Hühnerklappe und Kameras zum Hühner gucken gekauft. Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Klappe und die Hühner, sozusagen im Team, die Punkte 1 und 2 gemeinsam erledigen, sodass ich nur noch einmal täglich Essen bringen und Scheisse aus dem Stall sammeln muss.
Leider funktioniert die Klappe nicht so, wie ich das gerne hätte. Entweder klemmt sie und fährt nicht herunter, oder sie schließt zu früh, bevor alle Hennen im Stall sind. Das ist übrigens ein echt witziges Bild, wenn sich ein Hühnerstau vor der geschlossenen Metallplatte bildet – auf das ich trotzdem gut verzichten könnte.
Ab und an funktioniert die Klappe dann auch mal zur Abwechslung korrekt. Etwa in einem von vier Fällen.

Ich schließe den Hühnerstall dann doch immer mit der Hand

Nachdem die Hühner direkt am Haus leben, ist es für mich ja auch kein Problem, morgens und Abends nach den Hennen zu sehen. Ich schließe dann noch das Gatter zum Stall und die Holzklappe dann eben von Hand.

Problematisch wird es jedoch, wenn Dich exogene Faktoren aus dem Rhythmus bringen. In den letzten zwei Monaten war das meistens der Spießhausener Nachbarschaftsstreit, der kurz nach unserem Einzug ausgebrochen ist. Vielleicht werde ich auch darüber einmal berichten…

Dienstagnachmittag im September…

Völlig entnervt hatten meine Freundin und ich uns einen Nachmittag von der zuweilen unerträglichen Hochglanz-Idylle der Spießhausener Vorstadt-Wohnsiedlung freigenommen und sind auf Erkundungstour in die naheliegende Einöde gefahren. In einer Land-Pizzeria bei einem Schoppen (für mich als Fahrer alkoholfrei) begannen wir, endlich wieder zu relaxen und zu vergessen und realisierten nicht, dass die Sonne immer tiefer nach Westen fiel und allmählich hinter den blauen Bergen unterging….

19:15 Uhr Ich denke an die Hühnchen und freue mich, weil ich mich immer freue, wenn ich an sie denke.
19:16 Uhr Ich bemerke die Uhrzeit und den Sonennstand, die Pizza ist noch nicht am Tisch…
19:16 Uhr Ich schalte die Kamera ein und beginne zu hoffen, dass die Klappe heute ausnahmsweise mal korrekt herunterfährt
19: 16 Uhr Mein Blick scannt den Provinzbiergarten nach dem Kellner. Ich überlege, wie schnell wir die Pizza essen und wie weit wir wohl von zuhause entfernt sind (ca. 65 km – 40 Minuten Fahrzeit). Der Kellner rennt herum, hat aber keine Pizza in der Hand.
19:17 Uhr Wir überlegen, ob wir es drauf ankommen lassen und einfach hoffen, dass der Marder heute seinen freien Tag hat. Ich starre dabei auf die Kamera und sehe das letzte Huhn in den Stall watscheln. Zurück bleibt das dunkle Loch, das die automatische Hühnerklappe in 10 Minuten verschließen sollte.
19:19 Uhr Freundin: „Komm wir fahren heim, Du kriegst Dich ja schon jetzt vor Nervosität gar nicht mehr ein.“
19:20 Uhr „Können Sie die Pizza einpacken, sonst sterben die Hühner?“
19:25 Uhr Wir sitzen im Auto.
19:26 Uhr Die Freundin schmollt.
19:30 Uhr Die Klappe schließt. Nicht.
19:32 Uhr Ich erreiche die Autobahn, fahre auf die linke Spur und trete aufs Gas. Den „verantwortungsvollen“ Blick auf die Webcam delegiere ich an meine Freundin.
19:40 Uhr Ich bremse nicht (190 km/h)
19:50 Uhr Ich bremse nicht (230 km/h)
20:05 Uhr Wir sind zuhause. Die Hühner leben noch.
20:06 Uhr Ich schließe die Klappe
20:07 Uhr Die Pizza ist kalt.
20:10 Uhr gestorben ist an diesem Dienstag im September nur die gute Laune, und die wurde sowieso schon am Mittag künstlich beatmet. So hatten wir alle noch mal Glück im Unglück.


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